"Jedes seiner neuen Werke wurde als ein musikalisches Ereignis ersten Ranges aufgenommen. Ich war fasziniert von der staunenswerten Meisterschaft des Könnens. Es war doch ganz natürlich, daß ich diese Symphonien zum Vorbild nahm."
Strawinsky in seinen "Erinnerungen"
Alexander Glasunows Œuvre ist ungewöhnlich vielseitig und umfangreich. Es umfaßt nahezu alle Gattungen: Symphonische Musik in allen Formen, Werke für Soloinstrumente mit Orchester, Kammermusik, zahlreiche Stücke für Solo-Instrumente, geistliche und weltliche Vokalmusik, Bühnenmusiken und Ballette.
So verstand er es als Komponist, mit dem absoluten Gehör begabt, alle Instrumente aus ihrem Geist und nach Ihrer Technik zu verwenden. In Glasunows vielseitigem, auf sicherer Satzkunst gründendem Schaffen offenbart sich die kosmopolitische Grundhaltung des Komponisten: Auf originäre Weise verbindet er echt russische Substanz mit feinster europäischer Musikkultur, slawische Melancholie mit weltbürgerlicher Lebensfreude.
A. K. Glasunow und
N. A. Rimsky-Korsakow
Orchesterwerke
Eine Hauptbedeutung Galsunows liegt in seinem Symphonischem Schaffen von dem frühen Meisterwerk der 1. Sinfonie des kaum Sechzehnjährigen bis zu der gewaltigen 8. Sinfonie des Vierzigjährigen oder dem vielfarbigen Abschiedswerk des Poème Èpique. Gemeinsam ist allen der Reichtum der musikalischen Phantasie, das geistige Gewicht der Themen, die Kraft des architektonischen Aufbaus, die Kunst der Durchführung und seine unvergleiche Orchestrierung.
Für Guido Adler ist Glasunow "der einzige reinblütige Symphoniker unter den Petersburger Komponisten", Rostislav Hofmann nennt ihn in seinem Buch "Die Musik in Russland von den Ursprüngen bis heute" (Paris, 1956) den "würdigen Fortsetzer Beethovens, objektiver, klarer, konsequenter und umfassender als Tschaikowsky".
Orchesterwerke. Sinfonien
Der holländische Musiker und Musikschriftsteller Alex van Amerongen kommt in einer eingehenden Untersuchung von Glasunows Symphonischen Werken ebenfalls zu dem Ergebnis, "dass Glasunow der größte russische Sinfoniker gewesen ist: mehr als Tschaikowsky ist die monumentale Konzeption, das ganze Idiom aus dem Orchester und aus der symphonischen Form gewachsen und organisch damit verbunden".
Für diesen hervorragenden Kenner ist Glasunows 8. Sinfonie "das Markanteste und Monumentalste", das dessen Generation in der Musik hervorgebracht hat, und auch " erst hier - und nicht einmal bei Reger - wird das letzte Wort über Chromatik gesagt".
Immer wieder bewundert er "das unglaublich harmonische und polyphone Vorstellungsvermögen des Komponisten" und die in der Glasunow-Literatur stets hervorgehobene "vollendete Beherrschung des Kontrapunktes".
Orchesterwerke. Konzerte
Glasunow komponierte seine Solo-Konzerte mit Orchester alle in seiner zweiten Lebenshälfte. Das Violinkonzert, op. 82 wurde eines seiner bekanntesten Werke. Seit der Uraufführung 1905, mit Leopold Auer als Solisten unter Leitung Glasunows, haben es bis heute fast alle großen Geiger ständig in ihrem Programm.
Auch seine beiden Klavierkonzerte gehören zum Typ des symphonischen Konzerts, das gleichwohl vom Solisten äußerste Virtuosität verlangt. Das Klavierkonzert, Nr.2, op. 100 (1917) mit seiner interessanten modernen Harmonik gibt dem Violinkonzert in zunehmenden Masse an Beliebtheit kaum noch etwas nach.
Der Pianist Alex van Amerongen urteilt: "In diesem Konzert hat Glasunow einen grandiosen Beweis seiner Themaverarbeitung gegeben, ein Zeugnis, das ihm seinen Platz unter den Allergrößten ausweist."
Nicht minder glanzvoll ist das Klavierkonzert Nr.1, op. 92 (1900) mit der Glasunow stets einfallsreich verwendeten Form der Variation. Das Violoncellokonzert, op. 108 (1931) - "Concerto Ballata" - "in verkürzter symphonischer Form" geschrieben, wie Glasunow selbst notierte, ist Pablo Casals gewidmet und hat Cellisten wie Casals, Eisenberg, Feuermann, Saidenberg, Cassadò, Tortellier und anderen besondere Erfolge gebracht.
Orgelwerke
In seinen Orgelwerken mit kunstvollen Figuren und Doppelfugen erweist Glasunow sich als der einzige russische Orgelkomponist von Format. Sein ganzes vielseitiges Schaffen vereinigt auf originale Weise echt russische Substanz und breites Lebensgefühl von slawischer Melancholie bis zu hinreißender Lebensfreude mit fester europäischer Musikkultur.
Zur Ballettmusik
Anna Pawlowa - "Raymonda"
Symphonischen Rang hat Glasunows Musik zu den drei großen Balletten "Raymonda", ("Ruses d' amour") "Liebeslist" und "Die Jahreszeiten": mit ihrer Klangschönheit, durchsichtig-klaren Struktur und präzisen Rhythmik der Musik aus dem Wesen des Tanzes für den Tanz, die aber ebenso zum internationalen Programm von Konzert, Rundfunk und Schallplatte zählt.
Seit der Uraufführung der drei Ballette 1898 und 1900 in der Choreographie von Petipa haben sie zahlreiche neue choreographische Gestaltungen erfahren. Die größten Ballett-Schöpfer von Fokin über Balanchin bis Cranko haben Glasunows Musik choreographiert, die größten Tänzer von Legnani über Pawlowa, Karsawina, Nijinsky bis zu Ulanowa, Margot Fonteyn und Nurejew sie getanzt.
Raymonda
Das Ballett "Raymonda", dessen Libretto einer mittelalterlichen Ritterlegende entlehnt ist, das aber mit seinen Divertissements ganz dem Aufbau des großen, virtuosen Balletts im Stile Marius Petipas (1819 - 1910) entspricht, erhält seinen Glanz nicht nur durch die klassischen Ballett-Tänze, sondern vor allem durch die musikalische Anpassungsfähigkeit Alexander Glasunows an die Anforderungen des Choreographen, ohne dass Glasunows musikalische Phantasie darunter litt.
Für den großen Tänzer Rudolf Nurejev wurde Raymonda zum Fixstern seiner Klassikerpflege. Mehrere Male setzte er sich mit dem Werk auseinander. Die Choreographie, die er für seine beste und endgültige hielt, erarbeitet er auch mit dem Wiener Staatsopernballett; mit beispiellosem Erfolg gab es dort zahlreiche Weiderholungen.
Les Sylphides
1893 orchestrierte Glasunow einige Klavierstücke von Chopin und nannte sie "Suite Chopiniana" ("Les Sylphides"). Die Musik regte den jungen, später weltberühmten Tänzer und Choreographen Michail Fokin dazu an, sie zu choreographieren.
Er schuf das Ballett "Chopiniana", indem er zu jeder der fünf Chopin-Instrumentationen eine Handlung ersann. 1907 wurde das Ballett in St. Petersburg uraufgeführt und enthusiastisch aufgenommen. In seinen Erinnerungen schreibt Fokin: "Chopiniana wurde zu einem der größten Erfolge, die irgendeiner meiner Schöpfungen zuteil geworden sind".
Die Jahreszeiten
Marius Petipa schuf das Ballett "Die Jahreszeiten" nach einer symphonischen Komposition von Alexander Glasunow. Das Stück besitzt keine eigentliche Handlung; in vier Bildern werden Winter, Frühling, Sommer und Herbst choreographisch dargestellt.
Marius Petipa im Jahre 1896
(aus dem Belaieff Katalog, mit freundlicher Genehmigung des Verlages)